Sehenswert
Heute sagte ich mir: Heute gehe ich achtsam durch mein Quartier. Doch wie geht man achtsam? Am ehesten wohl wie ein Kind, kommt mir in den Sinn.
Dank meines Berufs durfte ich viel mit Kindern durch die Welt spazieren. Besonders mit Zwei- bis Sechsjährigen braucht es selbst auf wenigen Metern Geduld und Zeit. Da ein Stein, dort eine Katze – und schon verzögert sich das ursprüngliche Ziel um einige Minuten. Schliesslich muss ein Stein aufgehoben werden, und Katzen sind zum Streicheln da.
Meine eigene Gangart passte sich jeweils an. Mein sonst zackiger, zielgerichteter Schritt wurde zu einem langsamen Dahinschlendern. Kinder und Erwachsene – eine wunderbare Kombination zwischen: Wir leben den Moment, lassen uns von der Umwelt treiben und Hey, wir müssen weiter, und nein, den gefundenen Stock können wir nicht mit nach Hause nehmen.
Heute nehme ich mich selbst an die Hand. Einfach spazieren, ohne Ziel.


Es dauert nicht lange, bis ich eine verzierte Tür entdecke. Diese Tür ist zum Betrachten da, wie die Katze zum Streicheln. Denn sie ist mehr als ein Raumtrenner, den man öffnet und schliesst. Menschen gehen tagtäglich durch sie ein und aus, und noch mehr gehen achtlos an ihr vorbei. Wie auch ich – doch heute nicht.
Eine Tür zu einem ganz normalen Wohnhaus. Sie hat kleine, feine Details. Sie drängt sich nicht in den Vordergrund, und doch ist sie vielleicht das Zentralste an diesem Haus.
Nun habe ich ein Ziel: Ich will noch mehr Türen finden. Wie sieht wohl die des Nachbarhauses aus?
Auch schön. Aber anders schön. Die Verzierungen wirken beinahe herzförmig.
Sehenswert.
Nun kenne ich die verschiedenen Türen und ihre Muster in meinem Quartier. Und morgen werde ich mit dem Fahrrad und Kopfhörern an ihnen vorbeiflitzen. Schliesslich kann man nicht immer Katzen streicheln. Doch manchmal lohnt es sich, sich bewusst Zeit dafür zu nehmen.
Fast schon peinlich: Als ich zuhause ankam, entdeckte ich an der eigenen Haustür ein schönes Herzmuster. Lieber spät als nie.
Basil, 25. Mai 2026
